Offene Voicemail an Christian Wulff

4. Januar 2012

“Sie, Christian Wulff, haben mein Weltbild erschüttert.

Nicht, weil Sie, die fleischgewordenen Symbiose aus Prittstift und Suppenkaspar, an einem Amt kleben bleiben wollen, das mit aller Macht versucht, Sie wieder los zu werden. Schließlich stehen Sie hinter dem, was Sie tun. Das muss als Amtsauffassung ja wohl genügen.

Nicht, weil Ihnen mit diesem Selbstverständnis nicht nur jedes Gespür, jegliche Sensibilität für Ihre Position fehlt, sondern auch der Weitblick, was Sie damit anrichten.

Nicht, weil Wahrheit  für Sie keine Frage von Moral und Ethik ist, sondern eher situatives Kalkül, a votre plaisir sozusagen. Hauptsache, Sie stehen dahinter.

Auch nicht, weil Ihre Auffassung von Pressefreiheit als hohes Gut irgendwie merkwürdig ist. Aber hey, Sie haben sich ja schließlich entschuldigt. Da können die Bürger, die sie repräsentieren sollen, doch jetzt wirklich mal wieder Fünfe gerade sein lassen und Sie machen lassen. Denn Sie, Christian Wulff, stehen ja hinter Ihrem Tun.

Mein Weltbild ist nicht ins Wanken geraten, weil Sie darauf vertrauen, dass sich nach Horsts überraschendem Abgang all Ihre politischen Freunde vor und hinter Sie werfen, um einen Rücktritt zu verhindern, denn wo kämen wir denn da hin, wenn das schon wieder passieren würde? Nirgends, wir kämen nirgends anders hin. Aber wenigstens kämen wir ohne Sie dahin und das würde einem schon eine ganze Menge Peinlichkeiten ersparen. Das ist viel Wert heutzutage. Wenn sonst schon nichts mehr von Wert ist.

Nicht mal, weil Sie Einblicke in Politikergebaren geben, von dem wir eigentlich alle längst irgendwie wussten, dass es so läuft, aber uns gerne noch, ein, zwei Amtszeiten in der Illusion gesuhlt hätten, Politiker seien Menschen, die ihre Vorbildfunktion ernst nehmen. Ach, vergessen Sie den letzten Satz wieder. Da kann ich nicht dazu stehen.

Sie, President Evil, haben mein Weltbild erschüttert, weil man plötzlich fast Sympathien für die BILD-Zeitung bekunden muss. Und das, Christian Wulff, geht eindeutig zu weit! Da ist weit mehr als der Rubikon überschritten!”

Ein kleines Stückchen Geschichte…

11. Februar 2011

… muss auch mal wieder sein:

18 Tage gegen 30 Jahre.

Se(x)optimiert

27. Januar 2011

Im Netz zu schreiben wohnt ein gewisser Exhibitionismus inne. Man möchte gelesen werden, sonst könnte man auch ein altmodisches Tagebuch führen, welches man unter der Matratze vor neugierigen Blicken versteckt. Im Netz dagegen möchte man gefunden werden, möchte möglichst auf Seite 1 bei einer Google-Suche gelistet werden.

Das wird zunehmend schwieriger, da es fast nichts mehr gibt, was nicht schon bebloggt, per Facebook-Gruppe geliked oder in die Welt getwittert wurde. Zudem sind die Chancen, das jemand als Suche “U-Bahn, Arsch mit Ohren” eingibt und direkt bei mir landet, eher gering. Aber ich will auch gefunden werden, schließlich habe ich etwas zu sagen…

Was Google für die Suche ist, macht die Suchmaschinenoptimierung (hübsch neudeutsch “SEO” genannt) fürs Finden. Texte optimieren um gefunden zu werden. So etwas steht natürlich nie in Stein gemeißelt, im Netz schon gar nicht, daher der optimierte Januar:

Australien, Arizona, Attentat, Ägypten, Anschlag

Bohlen, Bach, Bundeswehr, Bernd

C-Promis, Casting, Carrière

Dschungelcamp, Dieter, DSDS, Dingens, Dirk, DFB-Pokal, Davos

Eva, Eichinger

Flut, Froonck, Flughafen

Gorch Fock, Guttenberg, Gitta

Holt mich hier raus, Hartz IV, Handball, Härteste Prüfung aller Zeiten

Ich bin ein Star, Indira

Jacob, Jay

Knappik, Kahn, Katy Karrenbauer, Kussmagk, Kairo

Langhans, Lage der Nation

Mathée, Mathieu, Moskau, Menderes, My air was away

Nominierung

Obama, Oscar

Porno (wird immer geguckt), Peer

Quote

Reiner, Rupprath, Revolution

Sex (wird immer gesucht), Sarah, Sonja, Saxx, Sarazzin (der bleibt wohl…)

Tunesien, Tunis, Thomas, Tucson, The King’s Speech

Unruhen

Vegetarier

Wikileaks, Weis, Weltwirtschaftsforum, WM, What if we break

X-Promis (das wird hart im Februar…)

Y-Promis (…)

Z-Promis, Zietlow

Dinge, die man unbedingt tun sollte, wenn man sich in der U-Bahn lächerlich machen möchte.

13. Dezember 2010

Heute: Riesenessiggurken essen.

Da baumeln zwei riesige Essiggurken in einer Plastiktüte an der Hand einer Dame, die sich sehr ellbogenintensiv – ein Sitzplatz ist wohl gewünscht – Zutritt zur U-Bahn verschafft. Man hat ja schon allerhand gesehen als Pendler, Reisende mit Essiggurken gehörten bislang nicht dazu. Offensichtlich ist man hungrig, weshalb eine der Gurken aus der Tüte geraschelt wird. Nun sabbern und triefen Essiggurken ganz gerne, was, wenn man keinen Teller oder wenigstens eine Serviette zur Hand hat, zu sehr elaborierten Essmanövern führt, nachgerade führen muss. Die Gurke trieft schon vor dem ersten zu erwartenden Biss, also schiebt die Gurkenliebhaberin die Riesengurke fest mit beiden (!) Händen umklammernd, bis dicht vors Zäpfchen und saugt ein bisschen den Saft ab. Sonst ein Meister der verdeckten Ermittlung – wozu sonst habe ich all die Jahre bei James Bond gelernt – kann ich nicht anders, als ihr unverhohlen dabei zuzusehen. In meinem Kopf macht sich wieder das typische Bumchickawahwah breit, während mein Gegenüber genüsslich anfängt, an der Gurke zu saugen und zu lecken.

Nun ist Gurkenessen an sich nichts ungewöhnliches, unterscheidet es sich doch kaum vom Essen von zum Beispiel Gemüsemais, allein die schiere Größe der Gurke und das Umklammern mit beiden Händen irritiert in höchstem Maße. Das gibt Einblicke in Privatsphären, die ich gerne nicht gehabt hätte. Der erste Saft scheint abgeleckt zu sein, jetzt wird vorsichtig die Spitze abgebissen. Männliche Mitfahrer blicken betreten zu Boden, formen unbewusst mit den Händen einen kleinen Schutz vor dem Reißverschluss ihrer Hose. Während die Dame kaut, hält sie die Riesengurke weiterhin in festem, beidhändigen Griff und begutachtet ihre Mahlzeit ausgiebig. Die Riesengurkenesserin scheint zu der Sorte “jeden Bissen 32 Mal kauen”-Menschen zu gehören, das gibt ausreichend Zeit, um die Gurke zu betrachten. Langsam fließt wieder klebriger Saft aus der Bissstelle, um ihn aufzufangen, wird wieder liebevoll geleckt und gelutscht. Mit Riesengurke im Mund und weit aufgerissenen Augen blickt mich die Dame direkt an und ich kann nicht mal so tun, als würde ich weg sehen.

Unbeirrt fängt sie nun an, kleine Stücke hamsterartig ringsherum abzunagen, nach jedem Hamsterbissen betrachtet sie abwechselnd zufrieden kauend ihr Werk und ihre Mitfahrer. Die ersten Männer verlassen vorzeitig die U-Bahn. Sie kommen heute wohl früher. Nach Hause.

Diebische Elstern, Kernobst und die .exekutive

22. August 2010

Ich oute mich: ich bin ein Mac-User. Und ich gehöre zu denjenigen, die Apfelprodukten durchaus einen gewissen Sexappeal zusprechen. Das trifft auf Hard- wie Software zu. So finde ich es z.B. toll, dass ich ein neues Programm nach dem Download einfach nur in den  Programmordner ziehen muss und surrsurr, schon kann ich das Programm öffnen und verwenden. Praktischerweise wird mir die Maske mit den entsprechenden Ordner auch gleich angezeigt. Ich werde auch nicht fünfmal gefragt, ob ich das auf wirklich installieren möchte und wenn ja, ob ich dazu überhaupt berechtig sei. Dazu solle ich mich bitteschön als Administrator zu erkennen geben. Auf der anderen Seite ist es natürlich irgendwie rührend, dass man sich so um meine Sicherheit sorgt, ich will gar nicht alles schlecht reden, denn mir ist es ja eigentlich egal, wie sehr sich andere mit etwas herumplagen müssen.

Neben meiner Funktion als Mac-User bin ich allerdings auch noch ganz schnöder steuerpflichtiger Bürger und alljährlich mit den Freuden einer Steuererklärung gesegnet, was weit weniger sexy ist. Nun ist das Finanzamt vor einigen Jahren auch dazu übergegangen, Steuererklärungen lieber in elektronischer Form zu bearbeiten, als sich mit todbringenden Formularen erschlagen zu lassen.

Soweit ist das ja ein lobenswertes Vorhaben. Weniger lobenswert ist eine Aussage, dass man erst einmal die Masse der Steuerpflichtigen versorgen möchte und daher ganz auf Windows-kompatible Programme setzt. Allerdings versichert man genervten Mac-Besitzen , dass man fieberhaft auch an einer Apfelversion arbeiten würde. Bis es soweit ist, hege und pflege ich also mein historische Windows-Notebook.

Nun wollte ich – reichlich spät und nach einer netten Extraaufforderung meines zuständigen Finanzamtes – die neuste Version von Elster laden, um mich in Mantelbögen, Anlagen und Abschreibungen auszutoben. Elster ist das neckische Akronym für Elektronische Steuererklärung – also eigentlich ganz niedlich, wenn nicht gar von einem gewissen Sarkasmus getrieben, den man Steuerbeamten so gar nicht zutrauen würde, bedenkt man, womit man die Elster gemeinhin verbindet.

Nach kurzer Zeit landet auch eine entsprechende Datei zum Installieren im Downloadordner und erwartungsgemäß werde ich gefragt, ob ich mir wirklich, wirklich ganz sicher bin, dass ich das jetzt installieren möchte – ja, möchte ich – und auch der Aufforderung alle anderen Anwendungen zu schließen gehorche ich widerwillig – ja, ich bin‘s wirklich, dein Admin, ich darf das jetzt auch installieren wollen. Dann rattert und rödelt es etwas, bis man mich mit der Mitteilung erfreut, dass die Installation abgeschlossen sein, und zwar erfolgreich! Na, das läuft doch prima. Stutzig werde ich erst, als ich zwei Dateien zum Deinstallieren finde, aber nichts, was darauf schließen lässt, dass ich damit das Programm starten könnte. Keine start-oder-sonstwie-genannte.exe weit und breit. Das ist definitiv nicht sexy!

Nun lässt das zugehörige Internet-Portal von Elster nahezu keine Wünsche offen, um sich in Foren, FAQs oder kurzen Videos zu Informieren, ob man gerade der einzige Depp ist, der etwas nicht versteht. Es gibt sogar einen kleinen, sympathisch dreinblickenden Roboter names Elias, dem man eine Frage stellen kann und der erstaunlich differenzierte Antworten gibt.

Auf die steuerlich nicht sonderlich relevante Frage, wie groß er sei, fragt Elias nach, ob sich mein Anliegen auf seinen Bildausschnitt oder seine Dateigröße bezieht. Ich entscheide mich für den Bildausschnitt, worauf Elias an sich herunterblickt und mit „Mein Bildausschnitt ist zirka 20 cm…“ antwortet. Privates zu seiner Freundin möchte er während der Arbeitszeit zwar nicht beantworten, allerdings erfährt man auf die Frage, ob er gut im Bett sei, dass er sich schon sehr gut fände…. Zudem bedauert er es durchaus, dass die Technik es ihm noch nicht ermöglicht, mit mir mal ein Bier trinken zu gehen. Wie gesagt, eigentlich ganz niedlich.

Auf meine Frage, wie ich denn das Steuerprogramm starten kann, wird er dann auch richtig gesprächig und gibt mir gleich mehrere Möglichkeiten zur Auswahl. Dumm nur, dass sie alle darauf beruhen, dass ich etwas anklicke, was sinngemäß start.exe heißt und das in dem hübschen, praktischen Download einfach nicht mitgeliefert wurde. Das überfordert nun auch Elias, dessen Akronym übrigens für die „liebevolle Abkürzung von Elster Informations- und Auskunfts-System“ steht. Elias und ich sind ratlos.

Aus lauter Verzweiflung frage ich, ob er schon mal einen Finanzbeamten verprügelt hätte, was aber mit einem entsetzten „Wohl eher nicht!“ verneint wird. Beschließe, dieses Vorhaben eher nicht mit Elias durchzuführen und die zarten freundschaftlichen Bande, die  gerade sprießen, nicht zu zerstören, auch wenn ihn vermutlich meine Frage, womit er sich wäscht, eher irritiert haben dürfte, denn er wäscht sich nach eigener Aussage nicht, er sehe dafür keinen Grund.

Überlege kurz, ob ich auch einfach keinen Grund sehen sollte, meine Steuererklärung zu machen, wenn mir derartige Hindernisse in den Weg gelegt werden. Ich befürchte allerdings, dass Elias mir das ausreden will. Er ist da etwas penetrant.

Über die Angst…

12. Juli 2010

… von Deutschen an der Supermarktkasse, versehentlich mehr oder weniger als die eigenen Waren zu zahlen, wenn der Warentrennstab – auch liebevoll Kassen-Toblerone genannt – gerade nicht verfügbar ist.
In einem territorialen Anflug wird bereits beim Abkassieren des Vordervordermannes “Das gehört nicht mehr dazu!” Richtung Kassiererin gebrüllt. Mit wurstiger Gleichgültigkeit wird dies zur Kenntnis genommen, der Blick jedoch verrät einen genervten Werbeslogan – “Ich bin doch nicht blöd!”.
Um dem Reviergewinsel noch mehr Nachdruck zu verleihen, werden ostentativ mit den Händen zwei Becher Buttermilch auf dem Förderband mütterlich beschützend begleitet, während dem Vordermann mit finsterem Blick gedroht wird. Der täte natürlich auch nichts lieber, als mehr zu zahlen, als er eigentlich kaufen möchte. Sparen lautet ja immer nur die Devise für die anderen. Und heute ist mir mal danach, eine Supermarktrunde zu schmeißen, her mit euren Einkäufen, ich zahl das mal eben alles. Passiert einem ja beinahe täglich.

Erstaunlich, wie einem ein Stück Plastik das Leben erleichtern kann…

WehEmm

24. Juni 2010

Mittwoch Abend, Deutschland gegen Ghana, Achtelfinaleinzug. Interessiert mich einen Dreck. Habe beschlossen, dennoch in die Stadt zu fahren, um auswärts – fußballfrei – essen zu gehen. Es gelingt bei einem kleinen Asia-Imbis. Kein Fernseher, keine dauerpupsenden Elefanten, die man als Fanartikel deklariert hat und mit presslufthammerähnlicher Lautstärke brünftig durchs Land schallen lässt. Das hatte ich schon am Nachmittag, da haben sich eifrige Fanbläser auf den Berg gestellt und geübt.

Der Spaziergang nach Hause enthüllt ein merkwürdiges Gesicht der Stadt: restaurantreiche Straßenzüge sind bis unter die Zähne mit Flatscreens und Leinwänden bewaffnet, alle Fenster sind offen, man wird von links und rechts mit diesem skurrilen Dauerton der Tröten beschallt. Kollektiv-synchrones Auf- und Abgestöhne  bei Torchancen mischt sich unter die Lärmkulisse, ein Pärchen sitz draußen, während nur innen Fußball läuft und fragt entgeistert “Kein Fußball?!”. Tja, so ist das, wenn man ein Exot ist. Man fällt auf.

Der Rest der Stadt – leergefegt. Nichts, niemand, nada unterwegs. Spiele kurz die Optionen für einen jetzt erfolgreichen Bankraub durch. Bis die Polizei käme,  wäre ich ja schon meilenweit… Der Gärtnerplatz, sonst um diese Uhrzeit ein lauter, multikultureller Ameisenhaufen, ich habe ihn für mich. Werde nur gestört von zwei hilflos Umherirrenden, die die Klenzestraße suchen. Vermutlich sind sie zum Fußballgucken verabredet. Es ist so still, man könnte glatt vergessen, dass man gerade mitten in der Stadt ist.

Komme an einem wunderbaren Waschsalon vorbei. Und tatsächlich, zwei Frauen prügeln sich um ca. 20 leere Maschinen, ein Kind spielt mit Puppen. Die nächsten Menschen lassen sich erst wieder in der Halbzeit blicken, hängen aus den Fenstern, gleich dem Meer nationaler Flaggen, das sich gerade durch die Stadt wimpelt. Aber es bleibt ruhig. Wehende Fahnen machen wenigstens keine Krach

So hat Fußball doch auch seine schönen Seiten.

Über die Offensichtlichkeit…

23. Juni 2010

… einer bayerischen Lehramtsstudentin im ersten Referendariat für katholische Religionslehre in der gymnasialen Unterstufe.

Von der kurz aufkommenden Hektik beim Ein- und Aussteigen in der U-Bahn nervös bemüht, niemandem im Weg zu stehen, tänzelt sie ängstlich um die Haltestange, nickt dabei Entschuldigungen nach allen Seiten und umklammert mit groben, schwammigen Händen ihre Ledertasche.
Die hellblaue Jeans, nicht allzu weit von der Karottenoptik entfernt, sicher ungemein bequeme braun-goldene Turnschuhe, das blau-weiß karierte kurzärmelige Hemd, das die weißen, dicken Arme zu wenig verhüllt, die hellbraune Hornbrille im noch nicht ganz entpubertierten Gesicht, das von einem pfiffigen Kurzhaarschnitt umrahmt wird.

Auch eine Art von Uniform-Fetisch…

Hedonismus eines Grillanzünders

8. Juni 2010

Es ist soweit. Anfang Juni und schon kann man das Isarufer wieder zweckentfremden, um Fleisch zur Schau zu stellen. Grill- wie Körperfleisch. Manchmal in Massen, die weder magentechnisch noch optisch fassbar sind und im letzteren Fall einen des öfteren “Dass es dafür noch Bikinis gibt” denken lassen. Andere wiederum provozieren ein gedankliches “Du könntest als Handtaschenleder viel Geld verdienen”. Das ist vermutlich jene Fraktion, die bereits am 3. Februar, als bei 2 Grad plus die Sonne mal kurz schien, sich der Kleidung entledigte, um sich neben BauchBeinePo auch gleich das Gemächt oder die in der Regel sehr großen Titten bräunen zu lassen. Beide (Gemächt und Titten) werden dann Anfang Juni, wenn der Rest noch käsig und blass das erste Mal verschüchtert ein Knie in die Sonne reckt, nicht ohne Stolz spazieren getragen. Bei manchen schwingt immer eine leichte  Tiroler Nussöl-Fahne mit, jene Tinktur, die es im besten Falle mit LSF 6 gibt, die einem aber immerhin den Eindruck gut geölten, nicht runzligen Leders vermittelt. Ich will mich gar nicht über den Freikörperkult beschweren, ich bewundere es, dass sich die Damen seit Jahr und Tag, allen dummdreisten Spannern zum Trotz, den Spaß daran nicht nehmen lassen. Und irgendwie liege ich mit all meiner Blässe und dem leider nicht ganz so subtilen Bauchansatz lieber zwischen den überzeugten FKK’lern herum, als mich in der magersüchtigen Bikinizone den mitleidigen Blicken zum Fraß vorzuwerfen. Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters, das eigene Auge macht da keine Ausnahme.

Da hat man also nach einem spießrutenähnlichen Lauf vorbei an den Großfamilien (zu laut und außerdem haben die immer so feine Sachen zum Grillen dabei), den mit Aldialkoholika versorgten 14-jährigen (zu laut, auch zu laut trinkend und anschließend pöbelnd), der übrig gebliebenen, mit vielen Percussioninstrumenten ausstaffierten Hippiekommune  (zu laut musizierend, außerdem neige ich dazu, nach 3 Stunden mit dem selben Rhythmus leicht aggressiv zu werden) und den reichen, jungen Leuten, die Studium eher als lästige Unterbrechung von teuren Freizeithobbies sehen (auch zu laut, denn da ist man so hipp, dass auch das jenseitige Isarufer unbedingt noch die spannenden Erzählungen über den letzten Clubbesuch mitbekommen sollte) endlich ein halbwegs ruhiges, wassernahes Plätzchen gefunden, wo man es sich gemütlich machen kann. Erfreulicherweise ist das gegenüberliegende Ufer so steil, dass nur die ganz hartgesottenen kleinen Perverslinge sich ins Gebüsch setzen und ein wenig gaffen. Auch die umliegenden Sonnenanbeter sind erfreulich still, gelegentlich wird ein Hund zurückgerufen.

Man markiert also das Revier mit Decke oder Handtuch und fängt an, sich umständlich zu entblättern, immer strategisch überlegend, was als letzte Hülle fallen soll, damit der Moment des endgültig Entblößtseins möglichst kurz währt. Das ist natürlich völliger Quatsch, denn gegafft und gelästert wird natürlich nicht nur beim Ausziehen, diese Taktik schmeichelt aber zumindest dem eigenen Ego für circa 5 Sekunden.

Die Bleichen und Quamperten unter uns wählen in der Regel als erstes die Bauchlage. Da lässt sich der äquatoriale Bauchring erstmal am besten kaschieren und man kann sich langsam an das nackte Gefühl gewöhnen. Außerdem schmeichelt Sonne auch am Rücken. Die Schlauen cremen sich natürlich schon zuhause ein, denn das Verrenken, um an unzugänglich Stellen zu gelangen, widerspricht dem natürlichen Drang, den Bauch einzuziehen und diese Blöße will man sich natürlich nicht geben. Ist der Rücken allerdings gut durch, kommt noch einmal dieser ungemütliche Moment, den eigenen Bauch zeigen zu müssen. Und da hilft es ungemein, wenn in unmittelbarer Nähe ein Stehbräuner steht. Oder bräunt. Jenes Grüppchen, dass ungern durch nutzloses Liegen die Möglichkeit verschenkt, gleichzeitig gleichermaßen an allen Stellen Sonne zu tanken. Die sind stolz auf jedes Gramm, dass sie gen Himmel recken können oder vielleicht ist es ihnen auch einfach nur egal, da das einzige Hauptziel ist, nur nicht bleich zu sein.

Man fängt also gerade eben an, sich so richtig wohlzufühlen, alles auszublenden, was den Gedanken, man hätte gerade sowas wie Urlaubsgefühle, stören könnte, da schleppen sportliche junge Männer neben jungen, schon leicht angeschicksten Damen auch noch einen Grill an. Und einen Kasten Bier, der erst einmal lautstark in der Isar versenkt wird, was einer der Hunde als Aufforderung zum Spielen auffasst und sich in die Isar stellt und den Kasten ordentlich anbellt. Sobald das langweilig wird oder Herrchen und Frauchen pfeiffen, schüttelt sich der Hund in handtuchnähe (natürlich meinem Handtuch) ordentlich aus.

Junge Menschen sind ja immer sehr um Kontakte bemüht, daher pflanzen sie den Grill freundlicherweise direkt vor mein – nasses – Handtuch, wenn man Glück hat, lassen sie noch circa einen Meter Abstand, der mit Tüten voll Grillkohle, -anzünder und -fleisch aufgefüllt wird.

Ich war nie gut in Physik oder Erdkunde (bin mir nicht sicher, welche Disziplin hier tatsächlich greift) aber die Formel Wind plus Grillrauch ergibt unweigerlich tränende Augen. Da auch der bereits erwähnte Bierkasten direkt zu meinen Füßen geparkt wurde, beginnt einer Ameisenstraße gleich ein Wandertrieb vom Grill zum Bier, der meist noch Teile meines – nassen und sandigen – Handtuches mit beansprucht und gelegentlich Steinchen oder schon auch mal die Zigarettenasche auf mir hinterlässt. Wohlerzogene junge Leute entschuldigen sich dann sogar sehr laut mit „heyiiiiiiii, sorry, ey… MATZÄÄÄÄÄ, AUCH NOCHN BIER?“ um dann komplett über mein Handtuch zu latschen, auch auf dem Rückweg, dann mit nassen Füßen und tropfenden Bierflaschen (Matze wollte ja auch noch eins). Wenigstens schütteln sie nicht auch noch ihr Fell aus.

Das größte Spektakel steht ja noch aus, das rituelle Feuermachen. Rituelles Feuermachen unterscheidet sich von normalem Feuermachen in der Regel im Lautstärkepegel, der Menge des verwendeten Brennspiritusses und der Rauchentwicklung. Die Götter des Grillfleisches sollen ruhig schon vorher mitbekommen, was da feines auf sie zukommt. Der moderne Ritus ist nicht mehr auf handgemachten Gesang und Tanz angewiesen, ein kleiner Ghettoblaster ist durchaus legitim. Sollte der gerade nicht zur Hand sein, tut es auch ein schepperndes Handy.

Nachdem ein Sacke Kohle im 5,99 € Rundgrill, der nur zaghaft Stand findet auf der abschüssigen Böschung und den groben Kieselsteinen, gelandet ist, was den Grill noch mehr zum wackeln bringt, folgt der dreiviertelte Inhalt einer Literflasche Brennspiritus und eine Packung Grillanzünder. Viel hilft ja bekanntermaßen viel. Ein Mutiger bietet sich an, die explosive Mischung nun mit einem Streichholz zum Brennen zu bringen, allerdings macht ihm die frische Isarbrise einen Strich durch die Rechnung. Auch nach opfern einer ganzen Schachtel Zündhölzer glimmt nicht viel mehr als der blanke Hass in den Augen des Zündlers, der sich an seiner Ehre als Grillmeister gepackt sieht, dass es noch nicht brennt. Zum Glück ist ja noch ein Viertel Liter Grillanzünder da, der kommt jetzt auch noch mit einer „Nimm das, du Sau“-Attitude auf die durchtränkte Kohle. Statt der Streichhölzer fingert man jetzt mit einem Feuerzeug und etwas Papier herum und tatsächlich, man kann eine erste, durchaus imposante Stichflamme erkennen! Feuer braucht bekanntlich Sauerstoff, also wird gewedelt und gepustet, was das Zeug hält, um neben den Flüssigbrennstoffen auch die leicht brennbaren Brocken des Grillanzünders zu entflammen. Der Grillanzünder tut auch, wie ihm geheißen, allerdings tut auch er sich schwer, die nasse Kohle zu befeuern. Und irgendwann gibt  die Kohle sogar nach und brennt, vielmehr sie ist kurz davor zu brennen und kündigt dies mit massiver Rauchentwicklung an. Jetzt darf man auf keine Fall aufhören, wie wild mit einem Pappteller zu wedeln, sonst war die ganze Mühe umsonst.

Inzwischen reichlich mit Sand, Isarwasser, Kohlestaub und Brennspiritus eingeölt, dauert es nicht lange, bis sich die ersten Rauchschwaden über mir breit machen. Ich rieche gerne Gegrilltes, weniger gern bin ich das Gegrillte und dränge auch nicht danach, wie selbiges zu riechen. Da auch hier, wie so oft, genervte Blicke nicht mehr verstanden werden, den Grill vielleicht so zu platzieren, dass man nicht seine ganze Umgebung einräuchert, muss ich selbst tätig werden. Handtuch packen und umziehen ist feige und bestärkt die Griller auch nur darin, dass Beharrlichkeit oder Frechheit immer noch siegen. Also stehe ich auf und hole mir erst einmal ein Bier zur Stärkung. Da ich keinen Öffner bei der Hand habe, frage ich einen der jungen Männer, die so gerne mit diversen Flaschenöffnungstechniken protzen. Meiner Bitte wird freudig nachgekommen und sogleich wird mit großer Verbrüderungsgeste angestoßen – nur bei dem ein oder anderen blitzt ein fragender Blick auf, woher ich mein Bier hätte und ob man mich nicht eben am Kasten gesehen hätte. Neue Kontakte sind etwas wunderbares. Ich trinke also noch ein paar Schluck meines Bieres, da sowieso nur der erste wirklich schmeckt und nichts grausamer ist als warme Plörre und schütte dann den Rest nun gut erfrischt über den Grill. Zuerst wird die Geste mit großem Gejohle begrüßt, da man mich irrtümlicherweise für den Gott des Grillens hält und der Deutsche im allgemeinen ja sein Grillgut gerne in Bier ertränkt. Innen wie außen. Nur langsam dämmert es den Freunden der Bratwurstschnecke, dass ein halber Liter nicht zum Anfeuern sondern einzig zum Löschen der aufkeimenden Glut taugt. Um die Spannung ein wenig aus der Situation zu nehmen, greife ich mir eines der reichlich marinierten Fleischstücke und zeige sie dem sehr interessierten Hund, der nicht lange fackelt und zuschnappt. Für Futterbelohnung tun Hunde ja fast alles, weswegen der Aufforderung, das restliche Fleisch zu suchen, umgehend nachgegangen wird. Nur kurz kann ich mich am Anblick eines glücklichen Hundes erfreuen, da die entsetzen Rufe der Fleischfetischisten deutlich lauter werden.

Ich versuche die Gemüter zu beruhigen, indem ich ihnen klar mache, dass man mit nasser Kohle nicht weit über den Status rohen Fleisches hinauskommt und die Sachen sonst eh verderben würden. Außerdem stünden da ja noch drei Schüsseln mit Salat und Tonnen von Baguette, das müsse schließlich auch weg. Andernfalls könnte man das harte Brot auch an die Schwäne verfüttern, die freuen sich auch immer sehr, sind allerdings mit Futter weniger dressierbar als Hunde.

Leider fruchten meine Schlichtungsbemühungen nicht, weshalb ich vorschlage, erst einmal zur Beruhigung ein Bier zu trinken. Großzügig werfe ich den immer noch entsetzt dreinblickenden Leuten einem nach dem anderen eine Flasche zu. Dummerweise fangen sie wirklich außerordentlich schlecht – man müsste sich halt auch mal ein paar Meter bewegen und nicht nur steif dastehen. Der Hund dagegen jagt freudig jeder Flasche hinterher. Die letzte hebe ich für mich auf, sonst kann ich ja gar nicht mehr mit anstoßen. Allerdings ereifert sich jetzt niemand mehr, sie für mich zu öffnen.

Zu meinem Erstaunen packen die Grillprofis in spe ihre Sachen zusammen und ziehen wütend wieder von dannen. Auch gut, so kann ich wenigstens mein Bier in Ruhe geniesen.

Bitte nur noch ernstzunehmende Vorschläge…

4. Juni 2010

…ich komme hier ja kaum nach mit dem Widerstand bekunden…