Es ist soweit. Anfang Juni und schon kann man das Isarufer wieder zweckentfremden, um Fleisch zur Schau zu stellen. Grill- wie Körperfleisch. Manchmal in Massen, die weder magentechnisch noch optisch fassbar sind und im letzteren Fall einen des öfteren “Dass es dafür noch Bikinis gibt” denken lassen. Andere wiederum provozieren ein gedankliches “Du könntest als Handtaschenleder viel Geld verdienen”.
Das ist vermutlich jene Fraktion, die bereits am 3. Februar, als bei 2 Grad plus die Sonne mal kurz schien, sich der Kleidung entledigte, um sich neben BauchBeinePo auch gleich das Gemächt oder die in der Regel sehr großen Titten bräunen zu lassen. Beide (Gemächt und Titten) werden dann Anfang Juni, wenn der Rest noch käsig und blass das erste Mal verschüchtert ein Knie in die Sonne reckt, nicht ohne Stolz spazieren getragen. Bei manchen schwingt immer eine leichte Tiroler Nussöl-Fahne mit,
jene Tinktur, die es im besten Falle mit LSF 6 gibt, die einem aber immerhin den Eindruck gut geölten, nicht runzligen Leders vermittelt. Ich will mich gar nicht über den Freikörperkult beschweren, ich bewundere es, dass sich die Damen seit Jahr und Tag, allen dummdreisten Spannern zum Trotz, den Spaß daran nicht nehmen lassen. Und irgendwie liege ich mit all meiner Blässe und dem leider nicht ganz so subtilen Bauchansatz lieber zwischen den überzeugten FKK’lern herum, als mich in der magersüchtigen Bikinizone den mitleidigen Blicken zum Fraß vorzuwerfen. Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters, das eigene Auge macht da keine Ausnahme.
Da hat man also nach einem spießrutenähnlichen Lauf vorbei an den Großfamilien (zu laut und außerdem haben die immer so feine Sachen zum Grillen dabei), den mit Aldialkoholika versorgten 14-jährigen (zu laut, auch zu laut trinkend und anschließend pöbelnd), der übrig gebliebenen, mit vielen Percussioninstrumenten ausstaffierten Hippiekommune (zu laut musizierend, außerdem neige ich dazu, nach 3 Stunden mit dem selben Rhythmus leicht aggressiv zu werden) und den reichen, jungen Leuten, die Studium eher als lästige Unterbrechung von teuren Freizeithobbies sehen (auch zu laut, denn da ist man so hipp, dass auch das jenseitige Isarufer unbedingt noch die spannenden Erzählungen über den letzten Clubbesuch mitbekommen sollte) endlich ein halbwegs ruhiges, wassernahes Plätzchen gefunden, wo man es sich gemütlich machen kann. Erfreulicherweise ist das gegenüberliegende Ufer so steil, dass nur die ganz hartgesottenen kleinen Perverslinge sich ins Gebüsch setzen und ein wenig gaffen. Auch die umliegenden Sonnenanbeter sind erfreulich still, gelegentlich wird ein Hund zurückgerufen.
Man markiert also das Revier mit Decke oder Handtuch und fängt an, sich umständlich zu entblättern, immer strategisch überlegend, was als letzte Hülle fallen soll, damit der Moment des endgültig Entblößtseins möglichst kurz währt. Das ist natürlich völliger Quatsch, denn gegafft und gelästert wird natürlich nicht nur beim Ausziehen, diese Taktik schmeichelt aber zumindest dem eigenen Ego für circa 5 Sekunden.
Die Bleichen und Quamperten unter uns wählen in der Regel als erstes die Bauchlage. Da lässt sich der äquatoriale Bauchring erstmal am besten kaschieren und man kann sich langsam an das nackte Gefühl gewöhnen. Außerdem schmeichelt Sonne auch am Rücken. Die Schlauen cremen sich natürlich schon zuhause ein, denn das Verrenken, um an unzugänglich Stellen zu gelangen, widerspricht dem natürlichen Drang, den Bauch einzuziehen und diese Blöße will man sich natürlich nicht geben. Ist der Rücken allerdings gut durch, kommt noch einmal dieser ungemütliche Moment, den eigenen Bauch zeigen zu müssen. Und da hilft es ungemein, wenn in unmittelbarer Nähe ein Stehbräuner steht.
Oder bräunt. Jenes Grüppchen, dass ungern durch nutzloses Liegen die Möglichkeit verschenkt, gleichzeitig gleichermaßen an allen Stellen Sonne zu tanken. Die sind stolz auf jedes Gramm, dass sie gen Himmel recken können oder vielleicht ist es ihnen auch einfach nur egal, da das einzige Hauptziel ist, nur nicht bleich zu sein.
Man fängt also gerade eben an, sich so richtig wohlzufühlen, alles auszublenden, was den Gedanken, man hätte gerade sowas wie Urlaubsgefühle, stören könnte, da schleppen sportliche junge Männer neben jungen, schon leicht angeschicksten Damen auch noch einen Grill an. Und einen Kasten Bier, der erst einmal lautstark in der Isar versenkt wird, was einer der Hunde als Aufforderung zum Spielen auffasst und sich in die Isar stellt und den Kasten ordentlich anbellt. Sobald das langweilig wird oder Herrchen und Frauchen pfeiffen, schüttelt sich der Hund in handtuchnähe (natürlich meinem Handtuch) ordentlich aus.
Junge Menschen sind ja immer sehr um Kontakte bemüht, daher pflanzen sie den Grill freundlicherweise direkt vor mein – nasses – Handtuch, wenn man Glück hat, lassen sie noch circa einen Meter Abstand, der mit Tüten voll Grillkohle, -anzünder und -fleisch aufgefüllt wird.
Ich war nie gut in Physik oder Erdkunde (bin mir nicht sicher, welche Disziplin hier tatsächlich greift) aber die Formel Wind plus Grillrauch ergibt unweigerlich tränende Augen. Da auch der bereits erwähnte Bierkasten direkt zu meinen Füßen geparkt wurde, beginnt einer Ameisenstraße gleich ein Wandertrieb vom Grill zum Bier, der meist noch Teile meines – nassen und sandigen – Handtuches mit beansprucht und gelegentlich Steinchen oder schon auch mal die Zigarettenasche auf mir hinterlässt. Wohlerzogene junge Leute entschuldigen sich dann sogar sehr laut mit „heyiiiiiiii, sorry, ey… MATZÄÄÄÄÄ, AUCH NOCHN BIER?“ um dann komplett über mein Handtuch zu latschen, auch auf dem Rückweg, dann mit nassen Füßen und tropfenden Bierflaschen (Matze wollte ja auch noch eins). Wenigstens schütteln sie nicht auch noch ihr Fell aus.
Das größte Spektakel steht ja noch aus, das rituelle Feuermachen. Rituelles Feuermachen unterscheidet sich von normalem Feuermachen in der Regel im Lautstärkepegel, der Menge des verwendeten Brennspiritusses und der Rauchentwicklung. Die Götter des Grillfleisches sollen ruhig schon vorher mitbekommen, was da feines auf sie zukommt. Der moderne Ritus ist nicht mehr auf handgemachten Gesang und Tanz angewiesen, ein kleiner Ghettoblaster ist durchaus legitim. Sollte der gerade nicht zur Hand sein, tut es auch ein schepperndes Handy.
Nachdem ein Sacke Kohle im 5,99 € Rundgrill, der nur zaghaft Stand findet auf der abschüssigen Böschung und den groben Kieselsteinen, gelandet ist, was den Grill noch mehr zum wackeln bringt, folgt der dreiviertelte Inhalt einer Literflasche Brennspiritus und eine Packung Grillanzünder. Viel hilft ja bekanntermaßen viel. Ein Mutiger bietet sich an, die explosive Mischung nun mit einem Streichholz zum Brennen zu bringen, allerdings macht ihm die frische Isarbrise einen Strich durch die Rechnung. Auch nach opfern einer ganzen Schachtel Zündhölzer glimmt nicht viel mehr als der blanke Hass in den Augen des Zündlers, der sich an seiner Ehre als Grillmeister gepackt sieht, dass es noch nicht brennt. Zum Glück ist ja noch ein Viertel Liter Grillanzünder da, der kommt jetzt auch noch mit einer „Nimm das, du Sau“-Attitude auf die durchtränkte Kohle. Statt der Streichhölzer fingert man jetzt mit einem Feuerzeug und etwas Papier herum und tatsächlich, man kann eine erste, durchaus imposante Stichflamme erkennen! Feuer braucht bekanntlich Sauerstoff, also wird gewedelt und gepustet, was das Zeug hält, um neben den Flüssigbrennstoffen auch die leicht brennbaren Brocken des Grillanzünders zu entflammen. Der Grillanzünder tut auch, wie ihm geheißen, allerdings tut auch er sich schwer, die nasse Kohle zu befeuern. Und irgendwann gibt die Kohle sogar nach und brennt, vielmehr sie ist kurz davor zu brennen und kündigt dies mit massiver Rauchentwicklung an. Jetzt darf man auf keine Fall aufhören, wie wild mit einem Pappteller zu wedeln, sonst war die ganze Mühe umsonst.
Inzwischen reichlich mit Sand, Isarwasser, Kohlestaub und Brennspiritus eingeölt, dauert es nicht lange, bis sich die ersten Rauchschwaden über mir breit machen. Ich rieche gerne Gegrilltes, weniger gern bin ich das Gegrillte und dränge auch nicht danach, wie selbiges zu riechen. Da auch hier, wie so oft, genervte Blicke nicht mehr verstanden werden, den Grill vielleicht so zu platzieren, dass man nicht seine ganze Umgebung einräuchert, muss ich selbst tätig werden. Handtuch packen und umziehen ist feige und bestärkt die Griller auch nur darin, dass Beharrlichkeit oder Frechheit immer noch siegen. Also stehe ich auf und hole mir erst einmal ein Bier zur Stärkung. Da ich keinen Öffner bei der Hand habe, frage ich einen der jungen Männer, die so gerne mit diversen Flaschenöffnungstechniken protzen. Meiner Bitte wird freudig nachgekommen und sogleich wird mit großer Verbrüderungsgeste angestoßen – nur bei dem ein oder anderen blitzt ein fragender Blick auf, woher ich mein Bier hätte und ob man mich nicht eben am Kasten gesehen hätte. Neue Kontakte sind etwas wunderbares. Ich trinke also noch ein paar Schluck meines Bieres, da sowieso nur der erste wirklich schmeckt und nichts grausamer ist als warme Plörre und schütte dann den Rest nun gut erfrischt über den Grill. Zuerst wird die Geste mit großem Gejohle begrüßt, da man mich irrtümlicherweise für den Gott des Grillens hält und der Deutsche im allgemeinen ja sein Grillgut gerne in Bier ertränkt. Innen wie außen. Nur langsam dämmert es den Freunden der Bratwurstschnecke, dass ein halber Liter nicht zum Anfeuern sondern einzig zum Löschen der aufkeimenden Glut taugt. Um die Spannung ein wenig aus der Situation zu nehmen, greife ich mir eines der reichlich marinierten Fleischstücke und zeige sie dem sehr interessierten Hund, der nicht lange fackelt und zuschnappt. Für Futterbelohnung tun Hunde ja fast alles, weswegen der Aufforderung, das restliche Fleisch zu suchen, umgehend nachgegangen wird. Nur kurz kann ich mich am Anblick eines glücklichen Hundes erfreuen, da die entsetzen Rufe der Fleischfetischisten deutlich lauter werden.
Ich versuche die Gemüter zu beruhigen, indem ich ihnen klar mache, dass man mit nasser Kohle nicht weit über den Status rohen Fleisches hinauskommt und die Sachen sonst eh verderben würden. Außerdem stünden da ja noch drei Schüsseln mit Salat und Tonnen von Baguette, das müsse schließlich auch weg. Andernfalls könnte man das harte Brot auch an die Schwäne verfüttern, die freuen sich auch immer sehr, sind allerdings mit Futter weniger dressierbar als Hunde.
Leider fruchten meine Schlichtungsbemühungen nicht, weshalb ich vorschlage, erst einmal zur Beruhigung ein Bier zu trinken. Großzügig werfe ich den immer noch entsetzt dreinblickenden Leuten einem nach dem anderen eine Flasche zu. Dummerweise fangen sie wirklich außerordentlich schlecht – man müsste sich halt auch mal ein paar Meter bewegen und nicht nur steif dastehen. Der Hund dagegen jagt freudig jeder Flasche hinterher. Die letzte hebe ich für mich auf, sonst kann ich ja gar nicht mehr mit anstoßen. Allerdings ereifert sich jetzt niemand mehr, sie für mich zu öffnen.
Zu meinem Erstaunen packen die Grillprofis in spe ihre Sachen zusammen und ziehen wütend wieder von dannen. Auch gut, so kann ich wenigstens mein Bier in Ruhe geniesen.